Eine Abschätzung der tatsächlichen COVID-19-Infektionen in den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Lippe

Stand: 25.09.2020

Die amtliche Erfassung von COVID-19-Infektionen ist naturgemäß unvollständig, weil beispielsweise asymptomatische und einige leichte Erkrankungen nicht getestet werden und somit nicht in den offiziellen Statistiken erfasst werden können. Außerdem wurde Patienten mit einem unklaren Ursprung der Infektion in der Anfangszeit der Pandemie die Testung verweigert. Es gibt also COVID-19-Infektionen, die in den offiziellen Zahlen nicht enthalten sind. Christian Drosten geht davon aus, dass es vier- bis achtmal mehr Infektionen gibt, als von den Gesundheitsbehörden erfasst werden [1]. Mit Hilfe einer Abschätzung lässt sich die ungefähre Zahl der tatsächlich erfolgten Infektionen ermitteln. In den folgenden Abbildungen sind die Ergebnisse für den Kreis Lippe und den Landkreis Hameln-Pyrmont dargestellt. Eine genauere Erläuterung der Methodik findet sich darunter.

Zur Methodik

Abschätzung der tatsächlichen Infektionen

Die hier verwendete Rechenmethode wurde in vergleichbarer Form bereits von Pueyo [2] sowie Bommer/Vollmer [3] vorgestellt.

Wenn bei einer Erkrankung der Anteil der Verstorbenen an den Infizierten (Letalität, »Infektionssterblichkeit«, Infection Fatality Ratio (IFR)) durch den Wert IFR gegeben ist, dann bedeutet das auch, dass es zu einem Todesfall durchschnittlich 1/IFR Infizierte gibt. Wenn also eine IFR von 0,5 % angenommen wird, gibt es zu jedem Todesfall statistisch gesehen 1/0,005 = 200 Infizierte.

Der hier für IFR verwendete Wert von 0,53 % ist eine Annahme auf Basis von Äußerungen von C. Drosten [4]. Der Wert an sich geht aus einer französischen Studie hervor [5]. Die »Heinsberg-Studie« [6] liefert, zumindest in der Nachrechnung von Drosten, einen ähnlichen Wert von 0,45 % [1].

Es wird weiterhin davon ausgegangen, dass die Anzahl der Todesfälle, deren Ursache eine COVID-19-Infektion ist, in den offiziellen Zahlen relativ genau ist, da diese Patienten in der Regel vorher intensivmedizinisch betreut wurden. Gleichwohl sind Abweichungen in beide Richtungen denkbar.

Dazu ist noch der zeitliche Ablauf der Erkrankung zu beachten: Die Dauer vom Symptombeginn bis zum Tod wird für COVID-19 mit rund 18 Tagen angegeben [7]. Vom Symptombeginn bis zur Erfassung in der offiziellen Statistik wird eine Dauer von vier Tagen angenommen [3]. Der Erkrankungsbeginn eines Todesfalls von heute liegt also im Mittel 14 Tage zurück. Das bedeutet also, dass es zu einem heute aufgetretenen Todesfall vor 14 Tagen statistisch 1/IFR (d.h. ca. 200) Fälle gegeben haben muss.

Auf diese Weise lassen sich die tatsächlichen Infektionen bis vor 14 Tagen abschätzen. Für die letzten 14 Tage wird der Quotient aus geschätzten und offiziellen Fallzahlen ermittelt. Dieser Quotient wird vereinfachend als konstant angenommen. Wenn nun die offiziellen Fallzahlen der letzten 14 Tage mit diesem Quotienten multipliziert werden, erhält man einen Schätzwert für die tatsächlichen Infektionen der letzten 14 Tage.

Abschätzung der aktiven Fälle

Die aktiven Fälle ergeben sich, wenn von der Anzahl der Infektionen die der Genesenen und der Verstorbenen abgezogen wird. Die Anzahl der Genesenen wird – vergleichbar zum Vorgehen des Robert-Koch-Instituts [8] – abgeschätzt. Dabei wird davon ausgegangen, dass leichte Krankheitsverläufe nach zwei Wochen und schwere Fälle nach vier Wochen genesen sind. Der Anteil leichter Verläufe wird mit 81 % angenommen.

Verweise

  1. K. Hennig, C. Drosten: Coronavirus-Update, Podcast Folge 38 (Transkript), S. 2, ndr.de, 5.5.2020
  2. T. Pueyo: Coronavirus: Why You Must Act Now, medium.com, 10.3.2020
  3. C. Bommer, S. Vollmer: Average detection rate of SARS-CoV-2 infections is estimated around six percent, uni-goettingen.de, 6.4.2020
  4. K. Hennig, C. Drosten: Coronavirus-Update, Podcast Folge 34 (Transkript), S. 5, ndr.de, 22.4.2020
  5. H. Salje et al.: Estimating the burden of SARS-CoV-2 in France, Science, 13.5.2020
  6. H. Streeck et al.: Infection fatality rate of SARS-CoV-2 infection in a German community with a super-spreading event, ukbonn.de,
  7. R. Verity et al.: Estimates of the severity of coronavirus disease 2019: a model-based analysis, Lancet Infect Dis 2020, 30.3.2020
  8. Landesamt für Gesundheit und Soziales Mecklenburg-Vorpommern: Täglicher Lagebericht zur Coronavirus-Krankheit vom 5.5.2020